Samstag, Juli 23, 2016

Rezension: Herr Müller, die verrückte Katze und Gott - Ewald Arenz







Dem Himmel sei Dank und halleluja: Das Buch "Herr Müller, die verrückte Katze und Gott" ist am (Datum) zufrieden zugeklappt worden. Nicht, dass ich je an der Zufriedenheit gezweifelt hätte oder froh bin, dass es endlich vorbei ist... aber ich will nicht zu viel im Voraus verraten, denn alles Wissenswerte zu dem Buch erfahrt ihr in dieser Rezension.





Liber scriptus proferetur

Dies irae, dies illa

Quantus tremor est futurus


Tuba mirum spargens sonum


Solvet saeclum in favilla


Cum resurget creatura

Mihi quoque spem dedisti*


"Herr Müller, die verrückte Katze und Gott" - ein 319 seitiger Roman, mit einem Touch von Fantasy und Comedie, von Ewald Arenz, vom ars-vivendi-Verlag. Erschienen ist das Buch am 31. Mai 2016.

Herr Müller - Vater, Ehemann und nicht sehr erfolgreicher Schauspieler - stirbt, indem er aus Versehen aus dem Fenster seines Nürnberger Hochhauses stürzt.
Normalerweise werden im Himmel, in der nicht sichtbaren 14. Etage des SPIEGEL Hochhauses in Hamburg (Hier "Hamburg hoch 1" genannt), alle gestorbenen und (wieder-)geborenen Seelen, in einem Computer von Engel John verwaltet. Nicht jedoch Kurt Müllers Seele. Kurt Müllers Seele reinkarniert, ohne, dass es jemand registriert. Sie fehlt im System und scheint verloren.
Eine verlorene Seele bedeutet, dass sowohl Himmel, als auch Hölle nach ihr suchen werden, und die Apokalypse, der jüngste Tag, tritt ein. Und genau dieser Ablauf wird in dem Buch beschrieben.
Zu Beginn dreht sich alles um das Problem. Kurt Müller ist gestorben, seine Seele ist weg, was nun? Diese Frage steht im Vordergrund. Alles wird genau erklärt und es wird lange nach einer Lösung für das Problem und einer Antwort auf die Frage "Wo ist Kurt Müller?" gesucht.
Danach geht es ins Eingemachte: Die Suche findet statt; auch von der höllischen Seite aus. Kurt Müller reinkarniert und sein neues Leben als Katze wird dargestellt. Neue Personen kommen ins Spiel und die Suche wird immer verzwickter, je länger sie wird.
Die Parteien geraten aneinander, weil sie beide Kurt Müllers Seele wollen und brauchen. Bis es letztendlich zu der Apokalypse kommt, dem jüngsten Tag, in dem Himmel und Hölle sich bekriegen, bis einer gewinnt und Kurt Müllers Seele in Sicherheit ist.

Das Buch ist in 7 Leseabschnitte unterteilt, die die oben genannten lateinischen Namen tragen. Jeder Leseabschnitt behandelt ein Überthema; in Leseabschnitt "Liber scriptus proferetur" geht es um den Anfang des Schlammassels, in Leseabschnitt "Mihi quoque spem dedisti" um die endgültige Lösung des Schlammassels, die Leseabschnitte dazwischen behandeln die Überthemen, wie die Suche, den Anfang der Apokalypse, und so weiter.
Kapitel gibt es in dem Sinne keine. Die Kapitel sind, wie ich euch bereits in der Zwischenauswertung berichtet habe, in Orte und dementsprechende Szenen unterteilt. So liest man gerade das, was in Nürnberg passiert und im nächsten Kapitel "Hamburg" liest man das, was in Hamburg passiert. Es findet also ein ständiger, aber übersichtlicher und logischer Szenenwechsel statt. In den jeweiligen Orten spielen bestimmte Personen die Hauptrolle; zum Beispiel Uriel in Hamburg hoch 1 und Helena in Nürnberg.
Alles ist in der Vergangenheit geschrieben, aus der Erzähler-Perspektive.

Anfangs geht es hauptsächlich um den Tod von Kurt Müller und die Einsicht, dass seine Seele verloren ist. Die Situation wird ausführlich beschrieben und es treten nur die für den Anfang notwendigsten Personen auf:
- Kurt Müller und seine Frau (kurz erwähnt, da nicht von Relevanz)
- Jehudi, einen Erzengel aus Hamburg hoch 1. Ein eher gelassener Erzengel, der gerne mehr Gefühle zeigen würde, als er kann (vor allem Sarkasmus, Ironie und Verachtung)
- Und Helena Müller, Kurt Müllers Tochter, die seine Seele retten soll. Sie ist eine typische Teenagerin, die den Tod ihres Vaters und die ganze Situation sehr selbstverständlich aufnimmt.
Im Laufe der Geschichte wird die Suche nach Kurt Müllers Seele und die immer näher rückende Apokalypse immer verzwickter. Mehr Orte und Szenenwechsel finden statt, die Geschichte wird skurriler und spannender und es kommen stetig neue Personen hinzu:
- John, einen absolut überforderten Engel, der in der Verwaltung sitzt.
- Abu und Mohammad, zwei Moslems, die durch Selbstmord im Krieg 'zufällig' gestorben sind, von Gott verflucht und zwiegespalten, was sie vom Himmel halten sollen. Sie helfen bei der Suche.
- Uriel, eine Erzengel Kollegin von Jehudi. Sie ist sehr kühl und klug und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sie kümmert sich um Helena und spielt vor allem in den letzten Leseabschnitten eine große Rolle.
- Abaddon, Jehudis Bruder. Ein gefallener Erzengel, der nun auch aus der Hölle verbannt wurde und in Antarktika mit Pinguinen verweilt, bis er von Jehudi als Komplizen benötigt wird, um Kurt Müllers Seele zu retten. Er ist sehr ironisch und direkt und spielt in der Apokalypse eine wichtige Rolle.
- Theresa, eine Biologie Studentin mit einer Vorliebe für Pinguine.
- Kurt Müller als Katze
- Paulina, die beste Freundin von Helena. Sie wird eingeweiht, unterstützt und schwärmt für Abaddon.
- Der Höllenhund, der Kurt Müller als Katze jagt

Die Geschichte in Orte zu unterteilen ist eine interessante und abwechslungsreiche Weise zu lesen. Jedes Kapitel bedeutet etwas neues und es ist selten vorhersehrbar, was wo passiert. Der Inhalt ist abgehoben, aber nicht vollkommen unrealistisch. Es gibt einige Parallelen zum Hier und Jetzt, zu aktuellen Themen (z.B. Krieg in Afghanistan), die mit dem überirdischen (Himmel, Hölle, Engel, ...) verbunden werden. Eins geht in das andere über und so entsteht der Eindruck, dass es mit viel Fantasie vielleicht wirklich so sein könnte. Ein anderes Bild wird von Himmel und Hölle vermittelt. Es wird nicht als das ewige Paradies angepriesen, sondern eher als ein großes Büro, in dem die Verstorbenen arbeiten, leben und gehen (reinkarnieren), wenn sie nicht dort sein wollen. Alles ist sehr neutral gehalten und gibt viel Raum zum interpretieren, zum Beispiel wenn Gott erscheint und jeder Anwesende ihn anders wahrnimmt (als Frau, als Mann mit Bart, als Baby, ...).


"Bei den Türen war es genauso, und auch der Saal änderte ununterbrochen seine Form.
Helena wandte sich an Uriel: 
»Es sind Ideen, oder? Es ist immer nur die Idee einer Säule oder einer Tür. Sie nehmen erst durch den Betrachter eine Form an, ja?«
»Natürlich. Alles ist Idee. Nichts anderes existiert.«
Helena blieb stehen und dachte nach. 
»Und du? Und ich? Sind wir auch Ideen?«
»Alle und Alles«, gab Uriel zurück, »Ideen Gottes. Wie es in allen Schöpfungsgeschichten in allen Religionen geschrieben steht. Du kannst die Idee auch Wort nennen. Am Anfang steht eine Idee.«"

Wer Lust auf eine abwechslungsreiche, irgendwie absurde, aber gleichzeitig nicht abwegige, witzige Geschichte, mit Satire und ein paar ernsthaften und lehrreichen Stellen hat, für den ist das Buch genau das Richtige.
Der Spannungsbogen steigt, wenn er steigen soll - nicht zu früh, nicht zu spät - und hält sich aufrecht, bis zum Schluss. Ein paar Zeilen muss man doppelt lesen, um sie zu verstehen, und allgemein muss man sich für das Buch etwas konzentrieren, um alles nachzuvollziehen. An die Schreibweise und die ungewohnten Szenenwechsel gewöhnt man sich schnell. Fantasie ist hier das A und O.
Die Personen sind alle sehr individuell, unterschiedlich und bieten nur teilweise Identifikationsmöglichkeit. Da sie aus der Erzähler-Perspektive beschrieben werden und es hauptsächlich um das Geschehen geht, statt um die Charaktere, kann man sich in einzelnen Szenen wiederfinden (weil man zum Beispiel genauso gehandelt hätte), in den Personen im Ganzen allerdings weniger. Dennoch entwickelt man zu den Individuen eine Bindung und eine Beziehung; man bekommt Lieblingscharaktere und Charaktere, die man am liebsten durch das Buch treten würde.
Das Ende ist ein befriedigender, runder Abschluss. Ich war nicht traurig, als es vorbei war, habe mir das Ende aber auch nicht herbeigesehnt.

Ich habe mir oft vorgestellt, wie das Buch als Film aussehen würde, bin allerdings noch zu keinem Ergebnis gekommen. Wer eine gute Idee hat: Eine Verfilmung würde sich sicher lohnen. Ich hatte viel Spaß mit dem Buch und musste noch oft daran denken. Meine Einstellung und Gedanken zu Himmel, Hölle und Reinkarnation habe ich überdacht. Außerdem habe ich einiges dazugelernt, unter anderem Wissenswertes über Katzen und ich musste religiöses Wissen nachschlagen.

Definitiv eine Kaufempfehlung, sowohl für Jugendliche, als auch für Erwachsene "bis 99", die Fantasie haben und sich auf Satire einlassen können.





*Der Autor Ewald Arenz hat auf lovelybooks, auf meine Nachfrage, erklärt, was die  Titel der Leseabschnitt bedeuten: "Die Titelzeilen stammen aus dem "Dies Irae, Dies illa"; einem mittelalterlichen Hymnus zum Jüngsten Tag. Verdi hat diesen Hymnus Jahrhunderte später neu vertont - das ist das Requiem, das Du kennst. Jede der Zeilen, die ich verwendet habe, steht in direktemZusammenhang zum folgenden Abschnitt. "Liber scriptus proferetur" etwa steht am Anfang und heißt auch: Das Buch wird geöffnet. Beide Bücher, in diesem Fall: das in Euren Händen und im übertragenen Sinn auch jenes, das später im Buch vorkommt. Den ganzen Text mit deutscher Übersetzung findet Ihr hier:https://de.wikipedia.org/wiki/Dies_irae"





Neugierig?
Hier ist das Buch erhältlich (Verlag Ars Vivendi)

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